Themenstammtisch an der Issumer Fleuth zur WRRL-Maßnahme

Themenstammtisch an der WRRL-Maßnahme, Kapellener Str.
Themenstammtisch an der WRRL-Maßnahme, Kapellener Str.

Viele interessierte Bürger kamen an diesem bedeckten Donnerstagabend zusammen, um sich vor Ort über die Renaturierung eines Abschnitts der Issumer Fleuth zu informieren. Eingeladen hatte der Ortsverband der Grünen Issum zum Themenstammtisch direkt an der frisch umgesetzten Maßnahme an der Kapellener Straße.

Vor Ort stellte Herr Oestrich, Vorsteher des Wasser- und Bodenverbandes Issumer Fleuth, die Maßnahme vor. Der besondere Reiz dieser Veranstaltung lag darin, dass man die Veränderungen nicht nur erklärt bekam, sondern unmittelbar sehen konnte: die neue Gewässerführung, die abgesenkte Fläche, die unterschiedlichen Höhen und die naturnäheren Strukturen. Nach der Einführung gab es zahlreiche Fragen aus dem Publikum, und schnell wurde deutlich, dass das Interesse an der Maßnahme groß war.

Was war geplant?

Die Maßnahme an der Issumer Fleuth ist Teil der Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie, kurz WRRL. Diese Richtlinie verfolgt das Ziel, Gewässer ökologisch zu verbessern. Vereinfacht gesagt: Bäche und Flüsse sollen wieder zu lebendigen Gewässern werden, die in der Vergangenheit zu Entwässerungsgräben gemacht wurden.

Für den Abschnitt an der Kapellener Straße wurde deshalb eine Fläche von insgesamt 9.338 Quadratmetern in Planung genommen. Die eigentliche beanspruchte Maßnahmenfläche beträgt rund 5.500 Quadratmeter. Geplant war dort die Herstellung eines sogenannten Trittsteins. Gemeint ist damit ein Abschnitt, der ökologisch aufgewertet wird und so zu einem wertvollen Zwischenraum für Pflanzen, Tiere und Gewässerentwicklung wird.

Der Name Trittstein, auch bekannt als Trittstein-Biotop, ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Viele Tierarten können nur begrenzte Distanzen überwinden und brauchen auf ihrem Weg durch die Landschaft geeignete Zwischenstationen. Solche ökologisch aufgewerteten Abschnitte wirken wie Trittsteine: Sie helfen dabei, Lebensräume miteinander zu verbinden und die Ausbreitung von Arten zu ermöglichen.

Konkret sah die Planung drei wesentliche Elemente vor:

Erstens sollte ein neues Hauptgerinne entstehen, also ein neuer Hauptlauf des Gewässers. Dieser wurde nicht schnurgerade geplant, sondern mäandrierend. Das heißt: Das Wasser soll sich wieder in Bögen durch die Fläche bewegen, statt nur in einem möglichst geraden Verlauf abzufließen.

Zweitens war vorgesehen, große Teile der Fläche abzusenken. Dadurch entstand eine sogenannte Sekundäraue. Das ist ein Bereich neben dem eigentlichen Gewässer, der häufiger vernässt oder zeitweise überflutet wird und dadurch typischere Auenstrukturen entwickeln kann.

Drittens wurde innerhalb dieser Sekundäraue noch ein tieferer, rinnenförmiger Bereich angelegt. Dieser sorgt dafür, dass es dort noch häufiger feucht oder überstaut ist. So entstehen wechselnde Nässebedingungen, die für viele Pflanzen und Tiere besonders wertvoll sind.

WRRL-Maßnahme Planungsansicht – Grafik: Wasser- und Bodenverband Issumer Fleuth

Auf dem Lageplan ist gut zu erkennen, dass ein neuer, geschwungener Abschnitt durch die Fläche geführt wurde. Gleichzeitig wurde der alte Verlauf nicht komplett verfüllt, sondern in ein neues Gesamtkonzept eingebunden.

Spannend ist auch das Seitenprofil der Planung. Dort sieht man im Schnitt, wie stark die Geländeform verändert wurde. Das ursprüngliche Gelände lag im Mittel bei etwa 23,60 Metern (über NHN). Große Teile der Fläche wurden auf rund 23,00 Meter abgesenkt, an einzelnen Stellen sogar bis auf 22,40 Meter. So entstand eine feuchtere Zone, die künftig häufiger überflutet wird.

WRRL-Maßnahme Seitenprofil – Grafik, Wasser- und Bodenverband Issumer Fleuth

Was auf den Plänen zunächst technisch klang, bekam dann eine sehr anschauliche Bedeutung: Die Fläche wurde so gestaltet, dass Wasser dort wieder mehr Raum bekommt und sich anders auf die Landschaft auswirken kann. Genau das waren die veränderten hydraulischen Eigenschaften, von denen die Rede war – wie das Wasser fließt, wie schnell es abläuft, wo es stehenbleiben kann und welche Bereiche dabei häufiger nass werden.

Und vorher? Wiese. Und davor? Auen.

Wer die Fläche nicht mehr genau vor Augen hat, würde heute kaum noch vermuten, wie schlicht sie vorher wirkte. Vor der Umgestaltung war dort im Wesentlichen Wiese. Erst durch den Eingriff wurde aus dieser vergleichsweise gleichförmigen Fläche ein strukturierter Gewässerraum mit neuer Linienführung, feuchteren Bereichen und mehr Höhenunterschieden im Gelände.

Vor der Umsetzung war die Fläche eine Wiese – Foto: Ingo Bläser

Und wer heute genau hinsieht, erkennt noch etwas anderes: Selbst das für die naturnahe Entwicklung wichtige Totholz wurde gezielt an geeigneten Stellen eingebracht. Solche Strukturen sehen auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär aus, sind aber ökologisch wertvoll. Sie schaffen Verstecke, bremsen lokal die Strömung, strukturieren das Gewässer und tragen dazu bei, dass ein Abschnitt nicht steril, sondern lebendig wirkt. Zudem brauchen Libellenlarven für ihre Entwicklung senkrecht aus dem Wasser ragende Strukturen, etwa Wasserpflanzen, Ufergehölz oder Totholz. Dort können sie aus dem Wasser steigen und sich zur Libelle verwandeln.

Aber viel früher, nämlich vor gut 200 Jahren, war dort nicht einfach nur Wiese, sondern eine Auenlandschaft mit geschwungenem Gewässerverlauf. In der Präsentation des Wasser- und Bodenverbandes findet sich eine historische Kartenansicht dieses Abschnitts. Darauf ist zu erkennen, wie das Gewässer zahlreiche Kurven und Bögen beschreibt, die sich insgesamt zu einem weiten Schwung formen. Wo der Fluss heute über weite Strecken kerzengerade verläuft, zeigt der Kartenausschnitt noch die vielen Windungen, die er früher einmal hatte.

Historische Kartenansicht des Abschnitts (Tranchot / v. Müffling, 1807/1820), via Wasser- und Bodenverband Issumer Fleuth

Es wurde viel Erde bewegt

Doch was muss man tun, um dem begradigten Gewässer wieder Struktur zu geben? Es müssen Mengen an Erde bewegt werden, die zeigen, dass es sich um eine größere landschaftsbauliche Maßnahme handelt.

Allein die Fläche der Sekundäraue wurde auf etwa 2.800 Quadratmetern bis auf die Oberkante des anstehenden Torfes abgesenkt. Dabei fielen etwa 3.300 Kubikmeter Schluff inklusive Oberboden an. Danach wurde das neue Hauptgerinne weiter ausgehoben, bis auf eine Sohlhöhe von 22,10 Metern. Dabei kamen rund 1.050 Kubikmeter Torf hinzu. Für die zusätzliche Rinnenstruktur in der Sekundäraue fielen noch einmal etwa 310 Kubikmeter Torf an.

Insgesamt wurde also sehr deutlich in die Geländeform eingegriffen – allerdings nicht willkürlich, sondern mit einem klaren Ziel: mehr Struktur, mehr Feuchte, mehr Dynamik, mehr Lebensräume für Wildtiere und zugleich mehr Raum für Wasser bei erhöhten Abflüssen.

Blick auf die WRRL-Maßnahme Kapellener Str.
Blick auf die WRRL-Maßnahme Kapellener Str. – Foto: Ingo Bläser

Warum wurde das Gewässer tiefer und breiter in die Fläche gezogen?

Ein interessanter Punkt der Planung betrifft die Wasserspiegellagen, also die Frage, wie hoch das Wasser im Gewässer unter bestimmten Bedingungen steht.

Nach Berechnungen der LINEG sollte der Wasserspiegel durch die geplante Maßnahme bei normalen Abflussverhältnissen im oberen Bereich um etwa 7 Zentimeter und im unteren Bereich um etwa 11 Zentimeter sinken. Das bedeutet nicht, dass damit alle Hochwasserfragen gelöst wären. Es zeigt aber, dass die neue Gestaltung das Abflussverhalten verändert.

Weil die neu geschaffene Auenfläche bei einem bestimmten Hochwasserereignis rechnerisch knapp noch nicht überflutet worden wäre, wurde zusätzlich die tiefere Rinnenstruktur in der Sekundäraue eingeplant. Genau dadurch wird sichergestellt, dass es dort häufiger zu Vernässung und Überflutung kommt und sich feuchtegeprägte Lebensräume überhaupt ausbilden können.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass ökologische Verbesserung nicht dem Zufall überlassen wird. Die Fläche wurde bewusst so geformt, dass Wasser dort wirksam werden kann.

Nutzen für Natur und Menschen

Von solchen Maßnahmen profitieren nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch wir Menschen. Naturnähere Gewässer können Wasser in der Landschaft besser zurückhalten, den Abfluss verlangsamen und so dazu beitragen, Hochwasserspitzen abzumildern. Gleichzeitig werden Gewässer wieder reicher an Leben. Feuchtbiotope sind besonders artenreich, und viele Tiere brauchen diese Lebensräume dringend zurück, weil wir sie ihnen vor langer Zeit durch Begradigung genommen haben.

Ein Abend mit vielen Fragen – und viel Interesse

Dass die Veranstaltung so gut besucht war, hat gezeigt, dass das Thema viele Menschen bewegt. Dabei ging es nicht nur um die konkrete Maßnahme, sondern auch um grundsätzliche Fragen: Was bringt Renaturierung? Wie verändert sich die Landschaft? Was passiert mit dem Wasser? Und wie viel Eingriff ist nötig, um später wieder mehr Natürlichkeit zuzulassen?

Herr Oestrich nahm sich viel Zeit, die Hintergründe zu erläutern und Fragen aus der Runde zu beantworten. Gerade das direkte Gespräch vor Ort machte den Abend besonders wertvoll.

Beim anschließenden Ausklang in der Bierpumpe wurde das Gespräch in lockerer Runde fortgesetzt. Auch dort zeigte sich, wie groß das Interesse an der Maßnahme war. Manche Fragen vertieften sich erst jetzt, nachdem man die Fläche gesehen hatte. Andere Gespräche führten weiter zu Themen wie Biber, Nutria und generell zum Umgang mit Gewässern und der Landschaft am Niederrhein.

Ausblick

Wir freuen uns sehr, dass der Themenstammtisch so großen Anklang gefunden hat. Solche Abende zeigen, wie wichtig der direkte Austausch vor Ort ist – gerade bei Themen, die unsere Landschaft, unsere Gewässer und unser Zusammenleben betreffen.

Und es geht weiter: Die Grünen Issum planen als nächste Veranstaltung eine Pflanzentauschbörse. Der Termin wird sehr bald unter Aktuelles bekannt gegeben.

WRRL-Maßnahme Kapellener Straße abgeschlossen
WRRL-Maßnahme Kapellener Straße – Foto Ingo Bläser