Heute hatten wir im Gemeindesaal Issum Dr. Volkhard Wille (Bündnis 90/Die Grünen) zu Gast, um über PFAS in NRW zu sprechen. Volkhard ist Landtagsabgeordneter für Kleve II, Sprecher für Natur- und Umweltschutz und auch in vielen weiteren Gremien aktiv. [1.]
Thema: PFAS in NRW – was das eigentlich ist, wie es in die Umwelt gelangt, wer ist zuständig, wie wird es entfernt und was tut sich derzeit gesetzlich? Viele Fragen und Antworten zu einem komplexen Thema.
Ein Protokoll von Ingo Bläser
Was sind überhaupt PFAS?
PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – eine riesige Stoffgruppe (im Vortrag fiel die Größenordnung „20.000 Substanzen oder mehr“). PFAS werden seit Jahrzehnten industriell genutzt und sind so stabil, dass sie in der Umwelt kaum abgebaut werden – deshalb werden sie auch „Ewigkeitschemikalien“ genannt.
Genau diese Stabilität ist das Problem: PFAS reichern sich an– in Umwelt, Nahrungskette und im menschlichen Körper. Gesundheitliche Risiken werden u. a. mit Krebs, Fruchtbarkeitsstörungen und Effekten auf das Immunsystem in Verbindung gebracht (im Vortrag wurde dabei betont: Schäden hängen stark von Konzentration und Dauer der Exposition ab).
Wo stecken PFAS drin? (Spoiler: fast überall)
Leider ist die Ewigkeitschemikalie sehr weit verbreitet. Eine Folie listete typische PFAS-Quellen, die man aus dem Alltag kennt:
- Arzneimittel
- Pflanzenschutzmittel
- Feuerlöschschäume / Löschmittel
- Kühlgeräte
- Beschichtungen (Antihaft, Imprägnierungen)
- Funktionskleidung (z.B. GoreTex)
- Verpackungen (z.B. Fast Food Verpackungen)
- Farben / Kosmetika
- Backpapier
- diverse industrielle Anwendungen (z. B. Galvanik)
Dass Löschmittel in NRW eine große Rolle spielen, wird auch in NRW-Fachinfos zu PFAS in Böden genannt: punktuelle Einträge entstehen häufig durch fluorhaltige Löschmittel (Übungsplätze, Großbrände etc.).
Über die Landwirtschaft finden PFAS in Pflanzenschutzmitteln den direkten Weg in unsere Nahrungsmittel.
PFAS in Lebensmitteln: unangenehme Trefferliste
Im Vortrag wurde eine Folie zu PFAS in Lebensmitteln gezeigt. Das passt zur grundsätzlichen Logik: Wenn PFAS in Gewässer und Böden gelangen, kommen sie über Bioakkumulation und Nahrungsketten irgendwann auch im Essen an. Beunruhigend hierbei: Dabei geht es nicht nur um Spuren von PFAS, sondern bereits um die Akkumulation beunruhigend hoher Anteile, die in den Lebensmitteln nachgewiesen wurden und die der Körper nicht abbaut. Die folgende Liste zeigt, zu welchem Anteil die Lebensmittel mindestens eine der vier regulierten PFAS-Gruppen enthielten.
- 69% Fische
- 55% Muscheln und Innereien
- 39% Eier
- 27% Krustentiere
- 23% Milch
- 14% Fleisches
Was sie gefährlich macht: Sie sind mittlerweile nahezu überall. In Schuhen, im Shampoo im To-go-Becher. Und wir nehmen sie zusätzlich über Luft, Wasser und Nahrung auf.
Zuständigkeiten: Wer macht was?
Ein wichtiger Teil war die Frage: Wer ist zuständig, wenn PFAS irgendwo auftaucht – im Boden, im Grundwasser, im Trinkwasser?
Im Vortrag genannt (vereinfacht zusammengefasst):
- Untere Behörden (z. B. Untere Wasserbehörde) als erste Ebene vor Ort
- auf Landesebene NRW: Fachunterstützung durch LANUK
(Landesamt für Natur, Umwelt und Klima NRW [2.] - Rahmengesetzgebung / Einordnung:
- Bund: Umweltbundesamt (UBA) (fachliche Einordnung/Empfehlungen) [3.]
- EU: ECHA (Europäische Chemikalienagentur) [4.]
Ein weiterer wichtiger Praxis-Hinweis aus dem Vortrag: kleine Kommunen haben oft nicht genug Fachpersonal/Erfahrung, während größere Städte eher Strukturen und Know-how für solche Spezialthemen haben. Hier haben kleine Gemeinden oft das Problem, dass zunächst völlig unklar ist, wie mit dem Problem umgegangen werden soll.
NRW-Sachstand: Fälle, Ursachen, Kosten-Dimensionen
Laut Vortrag sind PFAS nahezu überall nachweisbar – die Herausforderung ist, wann es „relevant“ wird (Konzentration, Eintragsweg, Nutzung, Schutzgüter).
Eine Folie (NRW-Fälle) ordnete die Verteilung der Ursachen quantitativ ein:
- Löschmittel 68%
- Galvanik 13%
- Deponien/Altablagerungen, Klärschlamm 6%
- Textil 3%
- Materialaufbringung (Beschichtung) 2%
- Sonstige 4%
- für die restlichen 4% war die Ursache der Kontamination unbekannt.
Und dann kommt der harte Teil, die Sanierung. Eine Folie mit Bearbeitungsständen/Beispielfällen machte klar, dass Gegenmaßnahmen schnell umfangreich werden können, wobei die Kosten für die Sanierung eine hohe Bandbreite von „überschaubar“ (ca. 50.000,- EUR) bis „schmerzhaft“ (ca. 1,5 Mio EUR und mehr) haben können. Interessant an dieser Folie war auch, dass alleine im Umfeld von Düsseldorf so viele PFAS-Fälle dokumentiert waren.

Volkhard Wille zeigt anhand einer Excel-Tabelle die Schäden durch PFAS und deren Kosten im Raum Düsseldorf.
Als weiteres Stichwort zur Sanierung fiel außerdem: AAV [5.] (was für „Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung“ steht. Der AAV besitzt nicht nur Kompetenz in Sachen PFAS-Altlasten und kennt sich mit Verfahren der PFAS-Beseitigung aus, sondern forscht auch aktiv zu neuen Verfahren und untersucht Böden und Grundwasser.
Neue Grenzwerte im Trinkwasser: ab 12. Januar 2026 und ab 12. Januar 2028
Einer der zentralen Punkte war natürlich die Frage nach den Grenzwerten, auf deren Antwort einige der Besucher schon gespannt warteten. Wie werden PFAS bislang reguliert? Hierzu gab es die folgenden Infos:
- Seit 12. Januar 2026 gilt ein Summenwert von 100 ng/L für die Gruppe „PFAS-20“ in der Trinkwasserverordnung. [6.]
- Ab 12. Januar 2028 kommt zusätzlich „PFAS-4“ [7.]
(die Summe aus PFHxS, PFOS, PFOA, PFNA darf dann max. 20 ng/L betragen.)
Wichtig (auch im Vortrag betont): Wasserversorger testen – aber PFAS erfordert umfangreiche Analytik und es braucht entsprechend ausgestattete Labore. PFAS-Untersuchungen sind weitaus komplexer als die meisten anderen Tests, die ansonsten mit Trinkwasser durchgeführt werden.
Was ist zu tun? (Monitoring, Reduktion, Sanierung)
Natürlich stellte sich jetzt die Frage, welche wirksamen Maßnahmen die Situation der PFAS-Belastung verbessern könnten. Auch dazu gab der Vortrag auch darauf Antworten und zeigte im Kern drei Stoßrichtungen:
- Umfassendes, laufendes Monitoring
- Einsatz von PFAS massiv reduzieren / zurückdrängen
- Altlasten sanieren
Besonders kritisch wurde der Einsatz in Pestiziden (Pflanzenschutzmitteln) angesprochen, da der Eintritt in die Nahrungskette naheliegend ist, da diese direkt auf das Feld ausgebracht werden. Und dabei gilt: Je später reagiert wird, desto teurer wird es – weil sich PFAS über die Zeit verteilt, anreichert und dann „großflächig“ wird indem es viele Kubikmeter an Boden kontaminiert.
Diskussion: „Wie bekommt man PFAS wieder raus?“
Die erste Frage aus dem Publikum lautete: Wie wird saniert? Die Antwort zeigte, dass Sanierung ein mühsames Unterfangen ist, denn: Je nach Belastung können Wässer technisch aufbereitet werden (z. B. über Aktivkohle, in Einzelfällen auch über weitergehende Verfahren). Bei kontaminierten Böden ist es deutlich aufwändiger: Der Boden wird ausgehoben, zu einer Boden-Waschanlage transportiert und anschließend wieder zurück gebracht. Aber auch das ist ein Problem.
Warum? Ein Beispiel:
Wenn eine belastete Fläche z.B. nach einer Brandlöschung von 100 m² bis auf 2 m Tiefe ausgehoben werden muss, entstehen 200 m³ Aushub. Ein typischer Kipplaster fasst 10–12 m³ – das sind ca. 17–20 LKW-Ladungen zur Anlage hin und nach der Behandlung zurück, also insgesamt an die 34–40 LKW-Fahrten. Schon bei solchen „kleinen“ Flächen wird klar, warum frühes Handeln Kosten und Aufwände stark beeinflusst. Und dabei sind noch nicht mal die Leerfahrten berücksichtigt, die jeder LKW auf dem jeweiligen Rückweg hat.
Als praxisnahes Beispiel wurde ein Projekt aus Hünxe genannt: Dort verarbeitet ein Betrieb Bauschutt so, dass PFAS und andere Schadstoffe [8.] entfernt bzw. reduziert werden, um so Recycling im Bau zu ermöglichen und Bauen zum Kreislauf zu machen. Doch dafür braucht es nicht nur Einzelmaßnahmen, sondern ein Netz leistungsfähiger Anlagen, die unsere Baustoff-Ströme verwerten und Rahmenbedingungen, die solche Kreislaufwirtschaft dauerhaft ermöglichen.
Ferner wurde in der Diskussion kurz angerissen:
- Wärmepumpen: Hier wird keine spezifische PFAS-Belastung erwartet (im Kontext der Diskussion) zumal üblicherweise verwendete Kältemittel keine PFAS enthalten.
- Was passiert bei Grenzwert-Überschreitung im Trinkwasser? Es gibt Eskalationspläne bis hin zu Lieferstopp, Maßnahmen zur Problembehebung (die entsprechend der Lage beurteilt werden).
EU-Situation: „ist in Bewegung“
Zum Schluss wurde die EU-Lage angesprochen: Ein sehr weitreichender PFAS-Beschränkungsvorschlag auf EU-Ebene wird derzeit noch im Rahmen des REACH-Verfahrens bewertet. Der Prozess läuft weiter (Stand März 2026 u. a. mit laufenden Ausschuss-Stellungnahmen bei der ECHA); konkrete Entscheidungen der EU-Kommission sind daher noch offen.
Fazit: Der Druck steigt – und das ist (leider) logisch
PFAS ist kein „Nischenthema“, sondern ein systemisches Umweltproblem mit konkreten Folgen für Kommunen, Wasserversorger und letztlich Verbraucher. Mit den Trinkwasser-Grenzwerten ab 2026/2028 wird aus „wir sollten mal“ ein „wir müssen jetzt“. Die große Herausforderung bleibt: Die große Herausforderung bleibt: Einträge stoppen, Belastungen flächendeckend erfassen, priorisieren und sanieren – und das mit knappen Kapazitäten vor Ort.
Unser Fazit am Abend: Es war ein hochinteressanter Vortrag zu einem sehr relevanten Thema. Und trotz der eher trockenen Materie war es dennoch ein schöner Abend. Das lag nicht zuletzt auch an den vielen kleinen Leckereien, die zu diesem Anlass vorbereitet wurden. Neben Bürgerinnen und Bürgern aus Issum waren auch Gäste aus dem Umfeld dabei (u. a. aus Neukirchen-Vluyn), die in der anschließenden Diskussion viele Fragen stellten.
Unser Dank gilt Dr. Volkhard Wille, der das Thema hervorragend strukturiert, verständlich und mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in NRW dargestellt hat.
Links und Quellen
[1.] Website von Volkhard Wille
[2.] LANUK (NRW) – PFAS-Übersichtsseite
[3] Umweltbundesamt zu PFAS
[4.]: ECHA, Europäische Chemikalienagentur
[5.]: AAV (Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung) zu PFAS & Altlasten
[6.]: Empfehlung des Umweltbundesamtes zu Trinkwasserwerten und PFAS
[7.]: Bewertungsmaßstäbe des LANUK für PFAS-Konzentrationen für NRW
[8.] Baustoff-Recycling bei HDB-Recycling, Hünxe
